Rallye-WM: Eine kulinarische Reise ins Elsass

Oktober 5, 2013  |  Tellerrand, Veranstaltungen

Quetscheskuchen, Tartes Flambee, Vin Bourru, Raisin Blanc, Munsterkäs, Cactus „Mega Acide“ und eine ganze Reihe anderer saurer Gummibärchen (Haribo „Pik“) – sogar in der Geschmacksrichtung „Orangina“: Unsere kulinarische Reise in den Elsass zur „Rallye de France Alsace“ war also ein voller Erfolg. Da konnte uns auch das Wetter nichts ausmachen…

Loeb

Seb Loeb – der Meister der Langeweile tritt ab © Constantin Hack

Viele Gedanken haben wir uns im Vorfeld nicht gemacht: Eigentlich sind wir vollkommen unvorbereitet in den Elsass gefahren. Naja, immerhin haben wir noch die Handbremse am Benz repariert – auf dem Parkplatz vor der Fitness-Bude. Ansonsten: Unterwäsche und ein paar Birnen eingepackt und dann gings um 6:30 Uhr Richtung Westen. Natürlich ist die Verkehrsführung in Frankreich anders – vollkommen unerwartet ist das Verkehrschaos ausgeblieben. Vielleicht auch, weil der französische Motorsport-Verband FFSA mit seiner Zeitplanung nur den Besuch von zwei Wertungsprüfungen am Tag erlaubt. Aufgrund der Unmengen an Alkohol, die sich die Zuschauer einverleiben, vielleicht auch nicht die schlechteste Entscheidung. Wir sind morgens zur Wertungsprüfung „Massifs des Grands Crus“ in der Nähe von Nothalten gefahren. Nachmittags haben wir uns dann nach Goxwiller durchgeschlagen und die Etappe „Klevener“ angeschaut. Überraschenderweise und entgegen den Verlautbarungen im Rallye-Forum war alles recht gut organisiert – die Anfahrt war zwar nicht großartig beschildert. Verfehlen konnte man die Rallye aber auch nicht. Und Essen und Trinken gab es überall: Entweder an den Zuschauerpunkten – dort neben Flammkuchen und Wein auch elsässisches Bier und – lecker, lecker – Wurst vom Grill (im Baguette). Oder dann halt Kuchen aus der Boulangerie. Und außerdem konnte man jederzeit noch Weintrauben aus dem Weinberg naschen. Was ich toll fand: An den Zuschauerpunkten wurde die Rallye auch auf Großbildschirmen live übertragen. So hatten auch Zuschauer ohne Smartphone – soll es ja immernoch geben – jederzeit schnell die relevanten Infos. Darüber hinaus gab es nahezu überall Lautsprecher aus denen ein echtes Rallye-Radio schallte. Nicht zu vergleichen mit dem Möchtegern-Rallye-Radio RPR1, das für gewöhnlich versucht, die Rallye-Berichterstattung im Programm zu verstecken.

Ogier

Tritt hoffentlich nicht in alle Fußstapfen seines Landsmanns: Seb Ogier © Constantin Hack

Ob die Rallye in Frankreich wirklich einen höheren anderen Stellenwert hat, kann ich nicht sagen. Fest steht, dass den Franzosen bei so einer Veranstaltung die Geselligkeit viel wichtiger ist, als ich das aus Deutschland kenne: Rund um Trier fängt – nachdem die WRC-Stars durch sind – direkt die Nomandenwanderung und das Wettrennen um den besten Plätze auf der nächsten WP ein. Im Elsass richten sich die Zuschauer hingegen erst dann richtig ein, wenn der erste Pilot bereits vorbeidonnert (was nicht heissen soll, dass die Franzosen nicht bereits zwei Stunden vor WP-Start an ihrem Lieblingsplatz stehen). Da wird dann der Gaskocher ausgepackt und ein Omelett gekocht, dazu fließt selbst morgens um neun der Schoppen und kühlt das Blonde die Kehlen. An sich sympathisch, da wird man dann auch an der Theke gefragt, ob man statt der zwei Gläser nicht doch lieber direkt ’ne Flasche Wein haben möchte…Aber wehe, es fängt an zu regnen: Dann juckt es den Franzosen in den Fingern und er baut sich eine provisorische Regenabfangbarrikaden. Es wird rumgezappelt und alle Konzentration geht in den ingeniösen Bau eines Meisterwerks. Alles andere rückt in den Hintergrund. Naja und wie lange solch ein provisorisches Bauerk hält, das brauch ich ja nicht zu erzählen…

Nun zum Highlight – nicht nur für die Franzosen: Sebastien Loeb. Der Chirurg des Motorsports, in den vergangenen neun Jahren Garant für Langeweile und zerplatzte Rallye-Träume, verabschiedet sich von seinen Fans. Außerhalb von Frankreich hatte er nur wenige Fans – vielleicht, weil er sich nie einen Fehler erlaubt hat, vielleicht wegen seinen herrlich emotionslosen Interviews. Auf jeden Fall haben sich alle Zuschauer gefreut, wenn der Rekord-Champion mit seinem Citroen am Zuschauerpunkt vorbei war – endlich kann die Rallye-WM wieder aus dem Tiefschlaf der letzten Jahre aufwachen. Denn obwohl Loeb in den vergangenen Jahren alle Titel geholt und alle Rekorde gebrochen hat: Ein Superstar mit der notwendigen Strahlkraft für die Rallye-WM ist er nicht geworden. In Deutschland muss auf DSF Sport1 immernoch erklärt werden, was die Rallye-WM überhaupt ist, dass es sich um ein Einzelzeitfahren handelt und das ganze – trotz aller Versuche – noch immer nicht Mainstream-medientauglich ist. Und das, obwohl die Franzosen unter anderem mit fünf Hubschraubern eine bisher selten erreichte Live-Berichterstattung ermöglicht haben. Es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Jahren wieder die Spannung der Jahrtausendwende in die Rallye-WM zurückkehrt. Am zweiten Tag sah es ganz danach aus: Fünf Fahrer innerhalb von zehn Sekunden. Da kann man nur hoffen, dass der neue Seb etwas weniger dominant wird und die dicke Kohle aus Wolfsburg nicht auch in der Rallye-WM verbrannte Erde hinterlässt.

Prokop

Konnte im Elsass nicht überzeugen: Martin Prokop © Constantin Hack

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Constantin Hack

Ich berichte hier über Young- und Oldtimer, historischen Motorsport und Rostlauben, die mir alltäglich begegnen. Seit über 20 Jahren bin ich angefixt von allem, das Benzin verbrennt, Lärm macht und am besten noch vier Räder hat. In den vergangenen Jahren habe ich in einer PR-Agentur vor allem Kunden aus den Bereichen IT- und Telekommunikation betreut. Diesen Blog betreibe ich als Ausgleich, wenn ich nicht gerade unter meinem W123 liege.


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