Fiat vom Dach

Februar 6, 2013  |  Industriekultur

Da wo ich herkomme, da fahren keine Autos auf dem Dach. Anders ging es den Einwohnern von Turin: Bis weit in die 70er Jahre erblickten täglich hunderte Fahrzeuge auf dem Dach des Fiat-Werks „Il Lingotto“ das Licht der Welt. Was nach einem Konstruktionsfehler klingt, war tatsächlich revolutionär und kam so:

Sieht von oben aus wie ein Schiff, ist aber das Fiat-Werk „Il Lingotto“ in Turin

Anfang des 20. Jahrhunderts reisen die Fiat-Bosse Giovanni Agnelli, Bernadino Maraini und Guido Fornaca mehrmals in die USA. Dort besichtigen sie unter anderem bei Ford neue Fabriken und Produktionsprozesse. Nach Italien kehren sie mit tollkühnen Plänen im Gepäck zurück: Sie wollen ein neues, großes Werk nach amerikanischem Vorbild bauen. Standort dafür soll Fiats Heimatstadt Turin werden, genauer gesagt der Ortsteil Lingotto etwa drei Kilometer südlich vom Turiner Zentrum. An ihren Plänen kann auch der Ausbruch des ersten Weltkriegs nichts ändern. Zwar muss Fiat seine Produktion auf Militärlaster, Flugzeuge, Krankenwagen, Maschinengewehre und Motoren für U-Boote umstellen, doch Agnelli glaubt weiter an die Zukunft von Fiat als Autohersteller und gibt noch 1916 den Bau des neuen Werks in Auftrag.

1926 beginnt der Bau der Rampen im Werk

1926 beginnt der Bau der Rampen im Werk © Immagini di Storia

Rationalisierung sichert den Bau

Nach dem ersten Weltkrieg folgt jedoch ein Jahrzehnt gesellschaftlicher und politischer Veränderungen, die auch an Fiat nicht spurlos vorüberziehen: 1918 proben die Arbeiter den Aufstand und besetzen das Werk in Corso Dante. In den folgenden Jahren steht Fiat vor finanziellen Problemen, da der Gewinn aus dem Rüstungsgeschäft wegfällt und der Handel mit Pkw erst schleppend in Gang kommt. Um die Finanzierung des Werks nicht zu gefährden, muss Fiat dringend seine Produktion verschlanken. Dabei sind die Fiat-Mannen so erfolgreich, dass sie die Menge der Stahlrohre beim ersten Nachkriegsmodell 501 um 70 Prozent reduzieren können. Auch die Anzahl verschiedener Metallrohrtypen senken sie von über 1.000 auf 36, von Kugellager-Typen bleiben nur 52 übrig. Doch trotz dieser Erfolge muss Fiat die Kapazität weiter drosseln, Mitarbeiter entlassen und kürzt den verbliebenen Mitarbeitern den Lohn. Doch dieser Kraftakt bringt Fiat wieder auf Kurs.

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Alle fabrikneuen mussten über die spiralförmigen Rampen © AmicaB

Außerdem verläuft der Bau des Werks nach Plan, so dass 1923 die Arbeiter im Werk Lingotto die Produktion aufnehmen können. Mit „Il Lingotto“ katapultiert sich Fiat an die Spitze des europäischen Automobilbaus, denn eine Automobilfabrik dieser Ausmaße hat in der alten Welt bisher noch niemand gesehen: Auf fünf Stockwerken und 153.000 Quadratmetern bauen in Spitzenzeiten 30.000 Arbeiter insgesamt über 80 verschiedene Modelle. Nur Fords riesiger „River Rouge Factory Complex“ kann bei diesen Dimensionen mithalten. Nach seiner Fertigstellung wird der Barren (dt. für „Lingotto“) schnell zur Ikone der Industrialisierung und bleibt bis heute ein Wahrzeichen Turins.

Autos entstehen auf fünf Stockwerken

Was die Fabrik bis heute einzigartig macht sind zwei Details: Die Produktion auf fünf verschiedenen Ebenen und die Teststrecke „La Pista“ auf dem Dach der Fabrik. Beide halfen Fiat dabei, die Produktionskosten pro Fahrzeug zu senken.

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Rampe im Fiat-Werk Lingotto © Andrea Sessarego

Verantwortlich für die Konstruktion zeichnete der italienische Architekt und Ingenieur Giacomo Matte-Trucco. Er setzte beim Bau des neuen Werks auf Stahlbeton – ein zu dieser Zeit immer noch sehr junges Verfahren – vor allem für ein Gebäude dieser Größenordnung. Außerdem setzte er sich für die Idee ein, die Fließbandproduktion auf fünf Stockwerken umzusetzen: Auf jeder Etage befanden sich Mitarbeiter, die sich auf einen Teilbereich der Produktion spezialisiert hatten. Das Rohmaterial und Einzelteile kamen per Zug im Erdgeschoss an, wurden Schritt für Schritt zu einem vollständigen Fahrzeug zusammengebaut und verliessen das Werk über die Teststrecke auf dem Dach. Die Teststrecke „La Pista“ war also kein nachträglicher Einfall, sondern ein integraler Bestandteil der Fertigung. Nur wenn die Fahrzeuge den Test auf dem 1,4 Kilometer langen Oval mit den beiden Steilkurven bestanden, durften sie das Werk verlassen.

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Mehr als 80 verschiedene Fiat-Modelle haben das Werk über die Rampen verlassen © Matteo Satori

Ende der Produktion

Damit war Fiat für die nächsten Jahrzehnte gerüstet. Erst durch das Aufkommen der Industrieroboter in den 60er und 70er
Jahren ging es mit dem manuellen Automobilbau bergab. 1982 wurde es endgültig geschlossen und durch das neue Fiat-Werk Mirafiori ersetzt. Der letzte Wagen, der das Werk verlässt ist der Lancia Delta I, der hier ab 1979 gebaut wird.

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Rampe im Fiat-Werk Lingotto © orlando72

Heutige Nutzung

Normalerweise verkommen nicht genutzte Industriebauten innerhalb kürzester Zeit zu Ruinen – in Deutschland sieht man das sehr deutlich an den Beelitzer Heilstätten. Doch das Fiatwerk hat eine neue Funktion in Turin gefunden. 1984 lud Gianni Agnelli eine Auswahl an Architekten zum Ideenwettbewerb für die leerstehende Fabrik. Agnellis wunsch war es, dass der Stadtteil nach dem Wegzug von Fiat nicht verkommt. Eingeladen wurde neben dem deutschen Architekturbüro Fehling+Gogel auch der italienische Stararchitekt Renzo Piano. Er konnte sich mit seinem Konzept eines integrierten Hochschul-, Hotel-, Büro- und Einkaufszentrum durchsetzen.

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Das „Scrigno“ (ital. für Schmuckkästchen) beherbergt die Sammlung von Giovanni und Marella Agnelli, ausgestellt werden u.a. Werke von Tiepolo, Renoir, Matisse, Picasso und Modigliani. © Andrea Mucelli

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Die Glaskugel „La Bolla“ auf dem Dach des Fiat-Werks Lingotto © orlando72

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„Lo Scrigno“: Das Schmuckkästchen sieht aus dieser Perspektive aus wie ein Start- und Zielhäuschen an einer Rennstrecke © m|art

umgebaut, was als pars pro toto für die neue Identität der Stadt Turin steht. Der „Bolla“ (Blase) genannte
kugelförmige Konferenzraum auf dem Dach und die „Scrigno“ (Juwelenkasten) genannte Pinakothek, in der Kunstwerke aus der Sammlung Agnelli gezeigt werden, sind der sichtbarste Ausdruck der neuen Nutzung. Auch wenn die Hauptstadt des Piemont noch bis kurz vor der Eröffnung der Spiele eher grau und verschlossen wirkte, wird sie – wenn am 10. Februar die XX. Winterspiele im Stadio Comunale eröffnet werden – das MegaEvent nutzen, um der Welt ihr neues Gesicht zu zeigen, das weit über moderne Sportstätten und Infrastruktur hinausgeht.Im Lingotto-Werk wurde das große Olympia-Pressezentrum eingerichtet. Im
Medienzeitalter sind Journalisten die wichtigste Zielgruppe der Spiele – den
9.600 Journalisten stehen lediglich 2.600 Athleten gegenüber! (quelle: http://www.baunetz.de/dl/baunetz_plus/baunetz_plus_15.pdf)

Auf dem Dach wurde als außergewöhnliches Konferenzzentrum La Bolla erbaut, eine große glaue Glaskugel, in der 1996 ein EU-Gipfeltretten stattfand. Daneben ist ein Hubschrauberlandeplatz vorhanden und La Pista wird inzwischen gern als Joggingstrecke genutzt.

Über allem scheint der 2002 eingeweihte Scrigno (Schrein) zu schweben, der die von den Agnellis gestiftete Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli enthält.] Quelle 3: http://www.flickr.com/photos/hen-magonza/4184018485/

http://jalopnik.com/5714628/fiats-roof-top-test-track

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Von der Einfahrstrecke hat man heute einen tollen Blick auf den Olympiapark und -dorf sowie die Alpen © m|art

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Blick auf den Hubschrauberflugplatz und „La Bolla“ © m|art

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Heute genießen vor allem Joggern und Touristen die Steilkurven © M_Strasser

Quellen:

(1) Save Industry Haritage

(2) Architecture Revived

(3) Jalopnik – Fiat’s Roof Top Test Track

(4) Il Lingotto – Geburtsort unseres Fiat Topolino Gestern und heute

(5) Fiat – weit über 100 Jahre Unternehmens-Geschichte

(6) Fehling und Gogel http://www.fehlingundgogel.de/fiat-lingotto/

http://en.wikipedia.org/wiki/File:Fiat_Lingotto_veduta-1928.jpg

http://www.flickr.com/photos/puss_in_boots/4750219674/ nicht verlinkbar

L8 rampa elicoidale 2

lingotto

http://farm4.staticflickr.com/3193/2554927536_3439024114_z.jpg

TORINO

http://farm9.staticflickr.com/8049/8353185889_93809501a7.jpg

Constantin Hack

Ich berichte hier über Young- und Oldtimer, historischen Motorsport und Rostlauben, die mir alltäglich begegnen. Seit über 20 Jahren bin ich angefixt von allem, das Benzin verbrennt, Lärm macht und am besten noch vier Räder hat. In den vergangenen Jahren habe ich in einer PR-Agentur vor allem Kunden aus den Bereichen IT- und Telekommunikation betreut. Diesen Blog betreibe ich als Ausgleich, wenn ich nicht gerade unter meinem W123 liege.


3 Comments


  1. „Fatal error: Theme CSS could not load after 20 sec. Please download the latest theme at http://galleria.io/customer/

  2. Katharina Mertschnig

    Toller Bericht!

    Ich hätte nur noch eine Frage:
    Wo findet man eine Mailadresse, um sich ein Angebot für eine Werksführung für eine Schulklasse einzuholen?

    MFG,
    Katharina Mertschnig

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  1. Baushausbücher: Walter Gropius (ed.), Internationale Architektur

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